Zwischen Erinnerungskultur und Antisemitismus
Werkstattgespräche über jüdische Filmschaffende in der Bundesrepublik

Vorwort
Der Hintergrund dieser Werkstattgespräche ist das vom BMBF geförderte (Post-Doc-)Projekt “Zwischen Erinnerungskultur und Antisemitismus. Erfahrung und Selbstverständnis jüdischer Filmschaffender in der BRD”, das 2017 von Lea Wohl von Haselberg eingeworben wurde. In diesem Zusammenhang beschäftigt sie sich mit den Arbeitsbiografien der Regisseure Karl Fruchtmann und Imo Moszkowicz. Seit Juni 2020 ergänzt Julia Schumacher diese Forschung durch ein Teilprojekt zur Arbeitsbiografie des Film- und Fernsehproduzenten Gyula Trebitsch. Gleichwohl die Untersuchungen jeweils autonom erfolgen, finden sie unter gemeinsamen Voraussetzungen statt, die ihrerseits zuvorderst definiert werden müssen: Worin bestehen theoretische Vorannahmen, und welche methodischen Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Welchen Zugängen der filmhistoriografischen Forschung erscheinen anschlussfähig, welche sind abzulehnen?
Der erste Ausgangspunkt für den Text ist die Idee des “Werkstattberichts”. Im geisteswissenschaftlichen Kontext ist damit in der Regel eine Vortragsform gemeint, die z.B. im Rahmen von Fachkonferenzen erste Befunde aus einer laufenden und unabgeschlossenen Forschungsarbeit präsentiert. Das finale Ergebnis ist noch offen, aber erste Hypothesen lassen sich bereits formulieren – sie, ihre theoretischen Grundlagen und methodische Zugriffe werden zur Diskussion gestellt. Das “Werkstattgespräch” wiederum ist eine dialogisch geführte Variante zwischen mindestens zwei Personen, die in einem öffentlichen oder nichtöffentlichen Raum stattfinden kann. Ein solches Werkstattgespräch kann dem Austausch von Erfahrungen dienen, Konfliktlinien austarieren oder sich in einer gegenseitigen spielerischen Konfrontation mit streitbaren Positionen ausdrücken. Mitunter nimmt es auch eher die Form eines Interviews an, in dem nur eine:r der Beteiligten detailliert Auskunft über seine:ihre Arbeit gibt. Dabei ist es eine gängige Praxis, dass Werkstattgespräche aufgezeichnet und anschließend transkribiert und redaktionell bearbeitet werden, um sie zu veröffentlichen. Doch auch jenseits solcher Vorhaben bildet das Gespräch eine häufig genutzte Arbeitsform von Geisteswissenschaftler:innen. Gemeint ist der zumeist in eher zwangloser Atmosphäre stattfindende Austausch mit Kolleg:innen über ein aktuelles Projekt, bei dem sich Gedanken allmählich durch das Sprechen verfertigen.
Die Frage nach jüdischen Akteur:innen in der Filmgeschichte der Bundesrepublik eröffnet ein Forschungsfeld, in dem sich verschiedene Anliegen und Perspektiven überkreuzen. Dazu zählt die Erforschung von Selbstverständigungsprozessen entlang der Themen Shoah und Nationalsozialismus – von frühen Auseinandersetzungen bis hin zur ausdifferenzierten, offiziell getragenen Erinnerungskultur –, die (werk-)biografische Beschäftigung mit Einzelnen und ihrem Wirken in Kulturbetrieben und innerhalb von Institutionen, aber auch die Analyse von bestimmten Filmen und ihrer Rezeption in historisch-spezifischen Kontexten. Die Fragen des Forschungsprojekts betreffen somit eine Teilmenge der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik, die sich an der Schnittstelle von Film- und Mediengeschichte und der jüdischen Geschichte in diesem Land verorten lassen. Dementsprechend handelt es sich um ein interdisziplinär ausgerichtetes Projekt und weist dadurch einen erhöhten Diskussionsbedarf auf. Diese Auseinandersetzungen finden u.a. im Kontext des DFG-Netzwerks „Deutsch-jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik“ statt, das in Medaon. Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung unter dem Titel “Einblendungen. Eine deutsch-jüdische Filmgeschichte in fünf Teilen” Formen des kollaborativen Schreibens an einem “filmhistoriographischen Mosaik” (Praetorius-Rhein/Wohl von Haselberg 2020: 351) erprobt.
Die hier verfügbaren Gespräche zwischen Julia Schumacher und Lea Wohl von Haselberg sind ein Reenactment von Diskussionen, die seit dem Sommer 2020 geführt und in drei Sitzungen zwischen dem 17. März und 4. Juni 2021 aufgezeichnet wurden.