Anfangsbefunde

Julia Schumacher [JS]: Was hat dir den Anlass gegeben, das Projekt “Zwischen Erinnerungskultur und Antisemitismus” zu initiieren?

Lea Wohl von Haselberg [LWvH]: Was mir zunächst aufgefallen ist, war eine Diskrepanz im Sprechen über ‘Jüdisches’ im Film: Es macht einen Unterschied, ob in einem populärwissenschaftlichen Kontext – oder auch in einer breiteren Öffentlichkeit – darüber gesprochen wird oder im Zusammenhang wissenschaftlicher Forschung. In einem nicht-wissenschaftlichen Kontext wird zur Darstellung von jüdischen Themen im Film in der Regel schnell gefragt ‘Wer macht diese Filme? Sind es jüdische Filmemacher:innen oder nicht?’ Dahinter steht die Annahme, dass es einen Unterschied gibt. Ich kann auch verstehen, warum diese Annahme vorherrscht. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist diese aber nicht so leicht zu bestätigen, da Filmproduktion schließlich arbeitsteilig organisiert ist. Hinzu kommt hier auch die Frage: Wer ist denn eigentlich Jude? Woran machen wir das fest? In der Wissenschaft wurde diese Problematik aber bislang nur sehr wenig thematisiert. Mitunter wird einfach gesetzt, dass jemand ein:e jüdische:r Filmemacher:in ist. Aber dann wird nicht darauf eingegangen, was es bedeuten soll. Was heißt es denn eigentlich, wenn ich eine:n jüdische:n Filmschaffende:n als solche:n markiere? Was bedeutet es z.B. für die Drehbücher, die jemand schreibt? Auch das ist zumindest in der deutschsprachigen Forschung nicht ausgeführt worden. Stattdessen habe ich eine Sprachlosigkeit festgestellt, wenn es um jüdische Filmschaffende geht, und auch eine Hemmung, diese als solche zu markieren.

JS: Was du beschreibst, kenne ich auch aus meiner Arbeit. Wenn ich z.B. zu einem Abschnitt der Film- oder Fernsehgeschichte schreibe, dann prüfe ich zum Teil auch die biografischen Hintergründe der Beteiligten – eher kursorisch, wenn diese eigentlich nicht im Zentrum meines Interesses stehen. Ich greife in solchen Fällen z.B. auf die Einträge der Deutschen Biographie zurück, die online verfügbar sind. Diese stellen eine Fülle an Informationen zur Verfügung, auf deren Grundlage ich verschiedene Markierungen machen könnte. Und dann stehe ich tatsächlich vor einer Entscheidungsfrage: Was ist relevant, was sollte ich markieren und was kann ich auslassen? Mein Ziel ist an dieser Stelle schließlich nicht, einen weiteren biografischen Eintrag zu schreiben,, zumeist ist es die Ästhetik, die im Zentrum meines Interesses steht. 

LWvH: Genau, das ist eine grundsätzliche Frage, wenn wir über Ästhetik schreiben: Inwiefern ist denn das Biografische wirklich relevant? Wahrscheinlich kennt jede:r von uns Kurzbiografien von Filmschaffenden, in denen steht ‘XY wurde geboren als Sohn oder Tochter von jenen Eltern’, und dann werden deren Berufe aufgeführt. Diese Information kann sehr interessant sein, wenn wir sie für die Kategorie Klasse als signifikant erachten. Aber das wird in den seltensten Fällen explizit gemacht. Ebenso verhält es sich auch mit der Kategorie des Jüdischen, nur dass es in diesem Fall noch eine Beklemmung gibt, sie überhaupt zu benennen. Das war zumindest mein erster, zugegebenermaßen recht oberflächlicher Befund: dass in wissenschaftlichen Texten zur Filmgeschichte die Kategorie des Jüdischen sehr wenig eingeschrieben ist, und wenn doch, dann ohne zu erklären, was das eigentlich bedeuten soll. Daher ist der erste methodische Schritt, sich anzusehen, wie diese Dynamik von Benennen und Nicht-Benennen, Einschreiben und Ausschreiben funktioniert. 

Hier ist es sinnvoll, zunächst die Weimarer Zeit in den Blick zu nehmen, denn für die Bundesrepublik finden wir das erst mal gar nicht. Das hat schlicht auch damit zu tun, dass in der Bundesrepublik viel weniger jüdische Filmschaffende zu finden sind, aber wahrscheinlich auch damit, dass die Beklemmung, Jüdisches zu markieren, für die Zeit nach der Shoah größer ist. Für die Zeit vor 1933 können wir zumindest diejenigen als jüdisch beschreiben, die ab diesem Zeitpunkt als Jüdinnen:Juden von den Nationalsozialist:innen verfolgt wurden.

JS: Für Historiker:innen besteht hier gewissermaßen die günstigere Quellenlage, die uns gleichzeitig auch von einer Verantwortung im Sprechen entbindet, weil die Markierung ja zuvor von den Nationalsozialist:innen vorgenommen wurde. Das heißt, wenn ich einen Text schreibe, kann ich in der Markierung auch den Grund für diese sprachlich ausstellen, etwa mit der Formulierung, dass ‘XY als Jude verfolgt’ wurde. In diesem Fall wäre dann nicht ich diejenige, die (mutwillig) eine Markierung vornimmt, die eventuell gar nicht mit dem Selbstverständnis des:der Bezeichneten übereinstimmt, sondern ich beziehe mich auf den Fakt der Verfolgung. 

LWvH: Das denke ich auch. Wir haben durch den retrospektiven Blick einerseits eine günstige Quellenlage in den Archiven und andererseits haben wir schlicht Quantitäten, die sich nicht so leicht ignorieren lassen – ebenso wie der Ausschluss aus dem Kulturbetrieb im Jahr 1933 sich nicht ignorieren lässt. Eigentlich habe ich mich jedoch für die jüdischen Filmschaffenden der Bundesrepublik interessiert. Wie und unter welchen Bedingungen werden diese sichtbar oder bleiben unsichtbar? Die Anschlussfrage dazu ist, wie und auf welche Weise man sie eigentlich als jüdische Filmemacher:innen beschreiben kann, ohne eine gewaltvolle Zuschreibung von außen zu wiederholen. Also zusammengefasst: Für das Projekt “Zwischen Erinnerungskultur und Antisemitismus” interessiert uns die Frage, inwieweit es zum Verständnis der filmischen Arbeit und der Filmgeschichte sinnvoll oder hilfreich ist, die Filmschaffenden als jüdisch zu beschreiben. Einerseits mit Blick auf ihr Werk, aber andererseits auch hinsichtlich der Filmgeschichtsschreibung allgemein. Das heißt, wir fragen nach Erfahrung und Selbstverständnis von jüdischen Filmschaffenden in der Bundesrepublik und inwiefern sich ihr Selbstverständnis als Jüdin:Jude mit ihrem Selbstverständnis als Filmemacher:in zusammenbringen lässt. 

JS: Gut, dann lass es uns doch mal Schritt für Schritt durchgehen: Wir überprüfen im ersten Schritt, wie in der deutschen Filmgeschichtsschreibung nach 1945 über jüdische Filmschaffende geschrieben wurde, genauer, ob und wenn ja, diese als jüdisch markiert wurden. Zunächst konzentrieren wir uns dabei allein auf die Weimarer Republik. Daran anschließend können wir durchspielen, welche Erklärungen sich für die gefundenen Lösungen anbieten und abwägen, welche Vor- und Nachteile sich aus diesen ergeben. Im zweiten Schritt widmen wir uns ‘dem Jüdischen’ in der Filmgeschichte der BRD, um genauer über die Akteure, mit denen wir uns beschäftigen, zu sprechen: Karl Fruchtmann, Imo Moszkowicz und Gyula Trebitsch. Und im dritten Schritt prüfen wir dann, wie und unter welchen Voraussetzungen wir die Kategorie des Jüdischen für das Verständnis ihrer Filmarbeit fruchtbar machen können.