Nachwort

Das zentrale Anliegen dieser Werkstattgespräche war es, sich gegenseitig über die Grundlagen der Zusammenarbeit zu verständigen. Die Projekte über Karl Fruchtmann und Imo Moszkowicz sowie über Gyula Trebitsch sollten einen gemeinsamen Rahmen finden und bestenfalls, wie es an einer Stelle heißt, einen modellhaften Vorschlag bereitstellen, wie sich jüdische Akteuer:innen in die deutsche Filmgeschichte einschreiben lassen, ohne dabei in die rhetorische Falle von Essentialisierungen zu geraten. Dieses Projekt ist noch nicht abgeschlossen. Besprochen werden hier vielmehr Zwischenergebnisse, die zu einem fortgeschritteneren Zeitpunkt in Einzelbeiträgen weiter ausgeführt werden. Darüber hinaus ist es eine Sammlung von sprichwörtlichen ‘red flags’ für all jene, die sich dem Projekt einer „deutsch-jüdischen Filmgeschichte“ (vgl. Praetorius-Rhein/Wohl von Haselberg 2020) anschließen wollen.

Die Werkstattgespräche zielen auf Konsensbildung. Sie sind von einem geteilten Wunsch nach einer konstruktiven Zusammenarbeit getragen. Zum Teil kamen in den Gesprächen Momente auf, in denen die eine die andere Gesprächspartnerin von ihrer Ansicht überzeugen wollte, an anderen Stellen wurden Differenzen im Detail, sei es im Hinblick auf theoretische Einsichten oder die Annahme oder Ablehnung von Begriffen, stillschweigend stehengelassen. Aber auch das ist ein Beitrag der Gespräche: In der dialogischen Auseinandersetzung treten Positionen, die als Leitlinie des individuellen Forschens dienen, wieder stärker hervor, ebenso wird deutlich, welche Fragen im Fokus des Interesses stehen und welche nicht. Dafür bleibt dann in den später jeweils einzeln verfassten Beiträgen zu den genannten Filmschaffenden ausreichend Raum. Dennoch lassen sich nach Abschluss der Gespräche geteilte Maximen feststellen.

Die Werkstattgespräche sollten zeigen, dass sich Biografien und Filmwerke von jüdischen Filmschaffenden mit verschiedenen Fragen konfrontieren lassen. Mit den dialogisch durchgespielten Ansätzen zu ihrer Beantwortung ist zudem eine methodische Anregung verbunden. Gerade im Hinblick auf jüdische Akteur:innen erweist sich die narratologisch, von Hayden White inspirierte, Analyse von Texten über diese Akteur:innen als vielversprechender und Erkenntnis erweiternder Schritt. Da der Zuschreibung von Jüdischsein im post-nationalsozialistischen Deutschland mit großer Vorsicht und vielfach mit Vermeidung begegnet wird, finden sich diese häufig nicht explizit in filmhistorischen Texten, sondern sie sind in den Subplot verschoben, wo sie den Aufbau von Argumentationen (mit)bestimmen. Dabei verhilft die Ermittlung des Subplots nicht nur, frühere Kontextualisierungen von historischen Subjekten und die implizit bleibenden Gründe für die Auslegung ihres Werks zu verstehen, sondern sensibilisiert auch für etwaige Vorannahmen in Bezug auf das eigene Emplotment. Die Relevanz, die der Kategorie des Jüdischen für ein biografisches Subjekt bzw. ein Werk zugeschrieben werden kann, ist eine Einzelfallentscheidung, die nur anhand konkreter (Arbeits-)biografien und Quellen getroffen werden kann. Nicht zuletzt bleiben diese Einschreibungen oder Ausschreibungen ambivalent. Es kann weniger darum gehen, auch das wollen wir mit diesen Gesprächen vorschlagen, diese Ambivalenz aufzulösen, als sie vielmehr zum Gegenstand und damit zum Teil des Textes selbst zu machen. Zudem lässt sich dieser Schwierigkeit auch begegnen, indem ein situativer Fokus gesetzt wird, d.h. nicht angestrebt wird, eine kohärente ‘jüdische Erzählung’ zu entwerfen, sondern Widersprüche, die sich auftun, auch zuzulassen und unterschiedliche Befunde für unterschiedliche Phasen, Momente oder Kontexte stehenzulassen. Wenn es nicht um kohärente ‘Künstler:innen-Identitäten’, sondern um ein erweitertes Verständnis sowohl der deutschen Filmgeschichte als auch der jüdischen wie bundesrepublikanischen Geschichte geht, ist es gerade sinnvoll, diese Widersprüche und Ambivalenzen ins Zentrum zu rücken.